Interview mit Frau Dr. Constanze Trilsch-Eckardt aus dem Jahr 2003

Vorsorge für Lebzeiten regeln

Dr. Constanze Trilsch-Eckardt

Vorsorgevollmacht, Patienten- und Betreuungsverfügung stehen im Mittelpunkt der 3. Geraer Erbrechtstage. Worin unterscheiden sich die drei Möglichkeiten der Vorsorge?

Die Vorsorgevollmacht ist im Grunde eine Generalvollmacht, in der man für alle möglichen Dinge Vorsorge treffen kann. In der Patientenverfügung kann beispielsweise festgelegt werden, wer im Falle der Handlungsunfähigkeit des Betroffenen in eine Operation einwilligen darf, Einsicht in Krankenunterlagen nehmen oder seine Zustimmung zu Bluttransfusionen beziehungsweise Organspenden geben darf. Ein ganz wichtiger Punkt sind hier auch die lebensverlängernden Maßnahmen. Mit der Betreuungsvollmacht wird ein Familienangehöriger oder auch ein guter Freund zum Betreuer bestimmt. Dieser regelt rechtliche und persönliche Angelegenheiten des Betroffenen. Sinnvoll ist eine Kombination der Vorsorgemöglichkeiten.
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Oft werden derlei Verfügungen in das Testament gebettet.

Dazu würde ich nicht raten. Das Testament ist eine wichtige Vorsorge für den Todesfall und wird auch dann erst eröffnet. Hier aber geht es ganz klar um eine Vorsorge für Lebzeiten.
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Wie kann ich eine Vollmacht erstellen?

Zum einen privatschriftlich oder nach Beratung durch einen Anwalt notariell beurkundet.
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Ist eine notarielle Beurkundung zwingend?

Grundsätzlich nicht. Geht es aber um Grundstücksgeschäfte oder Verbraucherkreditverträge reicht eine privatschriftliche Vollmacht nicht aus. Umstritten sind immer wieder privatschriftliche Patientenverfügungen. Ohne notarielle Beurkundung erkennen Ärzte sie oft nicht an. Dem Notar kommt hier eine wichtige Rolle zu, indem er bezeugen kann, daß der Betroffene bei Unterzeichnung der Vollmacht im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte war.
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Wen kann ich zur Person meines Vertrauens bestimmen?

Naheliegend ist, daß sich Ehegatten gegenseitig einsetzen. Oft werden auch die Kinder oder gute Freunde und Arbeitskollegen in derlei Regelungen einbezogen. Wichtig ist, daß man bedenkt, daß es eine Vertrauenssache ist.
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Kann man einen Missbrauch des Vertrauens vorbeugen?

Ja. Eine Vollmacht kann man jederzeit widerrufen. Wer nicht will, daß sie vor einem Ernstfall missbräuchlich Anwendung findet, sollte das Schriftstück zunächst in seiner Obhut behalten.
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Was, wenn ich der Person meines Vertrauens eine Kopie ausgehändigt habe?

Das ist völlig unschädlich.
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Wo lauern die Fehler bei einer privatschriftlichen Vollmacht?

Sie muß jährlich neu unterschrieben werden. Das vergessen viele. Zunehmend erkennen Mediziner Patientenverfügungen deshalb nicht an. Zu gern werden auch zweifelhafte Formulierungen gebraucht, die eine spätere praktische Anwendung der Vollmacht in Frage stellen.
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Was passiert, wenn zum Zeitpunkt der eigenen Handlungsunfähigkeit kein Bevollmächtigter bestimmt worden ist?

Das ist das absolute Horrorszenario und passiert leider nur zu oft. Der Gang zum Vormundschaftsgericht ist unausweichlich. Es wird ein zeit- und meist auch nervenaufreibendes Betreuungsverfahren eingeleitet. An dessen Ende wird ein gerichtlicher Betreuer eingesetzt. Das kann, muß aber kein Familienmitglied sein. So kommt es vor, daß ein Fremder über das Vermögen oder das Aufenthaltsbestimmungsrecht befindet.
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Wann ist es ratsam, eine Vorsorgevollmacht aufzusetzen?

Sofort. Eine Vorsorgevollmacht kann von einem auf den anderen Moment notwendig werden. Täglich werden junge Menschen handlungsunfähig, weil sie nach einem schweren Unfall im Koma liegen oder eine Behinderung zurück bleibt. Ältere Menschen sollten die Dinge regeln, bevor eine Demenzerkrankung dies unmöglich macht.
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Die Menschen für Vorsorge zu sensibilisieren ist die eine Sache. Doch was ist mit Heimen oder medizinischen Einrichtungen?

Auch dort ist eine zunehmende Akzeptanz zu verzeichnen. Beispiel Heim: Ist eine einst rüstige Damen plötzlich nicht mehr in der Lage, die Dinge des Lebens selbst zu regeln, und ist kein Bevollmächtigter bestimmt, setzt sich automatisch das Betreuungsverfahren in Gang. Dazu ist das Heim verpflichtet. Liegt in der Einrichtung jedoch die Kopie einer Vollmacht vor, weiß das Heim, an wen es sich wenden kann und eine nahtlose Betreuung ist gewährleistet.
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Gespräch Heike Scheffel (OTZ) mit Dr. Constanze Trilsch-Eckardt, Vizepräsidentin des Forums für Erbrecht e. V. - Abgedruckt in der OTZ vom 12.04.2003







Interview mit Dr. Friedemann Ficker aus dem Jahr 2003

Vorsorge aus medizinischer Sicht für jeden wichtig



Thema der 3. Geraer Erbrechtstage in Gera sind Vorsorgemöglichkeiten, wie Vorsorgevollmacht, Patienten- und Betreuungsverfügung. Welche Rolle kommt ihnen aus medizinischer Sicht zu?

Sie legen Behandlungskriterien fest und stecken den Rahmen ab, in dem sich der Arzt bewegen kann. So weiß er, ob der Patient zum Beispiel einer Heimeinweisung zugestimmt hätte.
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Wie oft werden Ärzte in der täglichen Praxis mit Patientenverfügungen konfrontiert?

In den neuen Bundesländern eher selten. Ich selbst war noch nie in einer solchen Situation. Als Vorsitzender der Alzheimer-Gesellschaft Dresden weiß ich, daß es bei Demenzpatienten noch keinen einzigen Fall gab.
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Woran liegt das?

Das Thema hat sich offensichtlich noch nicht durchgesetzt. Hinzu kommt, daß die meisten Demenzpatienten im Alter von 70 bis 80 Jahren überraschend erkranken. Dann ist es oft zu spät für rechtliche Verfügungen.
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Wieviele Demenzpatienten gibt es derzeit?

In Deutschland sind es schätzungsweise etwa 1,2 bis 1,6 Millionen. In Thüringen 30.000 bis 40.000. Jährlich kommen hier 7.000 neue Patienten dazu. Die Zahlen allein dieser Patientengruppe machen deutlich, wie wichtig das Thema ist.
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Wer sollte Vorsorge treffen?

Aus medizinischer Sicht jeder. Es geht ja nicht nur um Demenzpatienten, die ihre Angelegenheiten nicht mehr selbst regeln könnten. Auch Unfallopfer oder Schlaganfallpatienten können in eine solche Situation geraten.
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Gibt es Fälle, in denen Ärzte die Vollmacht eines Patienten nicht akzeptieren?

Im Prinzip dürfen diese Verfügungen nicht ignoriert werden. Ist ein Schriftstück notariell beurkundet und nicht älter als zwei Jahre, ist nichts zu beanstanden. Wurde es jedoch vor fünf Jahren einmal handschriftlich niedergelegt, sind Bedenken erlaubt.
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Die Sensibilisierung der Menschen für diese Art der Vorsorge wächst. In der Ärzteschaft auch?

Eher nein. Zumindest im Osten. Ich kann nur für die Neurologen und Psychiater sagen, daß in diesem Kreis wenig über Rechtsfragen gesprochen wird.
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Zu welchem Thema werden Sie in Gera referieren?

Vor dem Hintergrund des juristischen Anliegens der Erbrechts-Veranstaltung geht es um medizinische Fragen: Was ist Demenz? Wie beginnt sie? Welche Behandlungschancen gibt es? Wissen Betroffene und Angehörige, worum es geht, können sie besser mit der Situation umgehen und auch Vorsorge treffen.
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Gespräch Heike Scheffel (OTZ) mit Dr. Friedemann Ficker zu den 3. Geraer Erbrechtstagen - Abgedruckt in der OTZ vom 14.04.2003